{"id":104,"date":"2026-08-04T00:44:38","date_gmt":"2026-08-03T22:44:38","guid":{"rendered":"https:\/\/powersmartcoat.de\/datenblatt-lesen-was-v-und-w-klassen-wirklich-sagen\/"},"modified":"2026-08-06T11:36:38","modified_gmt":"2026-08-06T09:36:38","slug":"datenblatt-lesen-was-v-und-w-klassen-wirklich-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pscoat.no/en\/datenblatt-lesen-was-v-und-w-klassen-wirklich-sagen\/","title":{"rendered":"Reading the Data Sheet: What V and W Classes Really Mean"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Datenblatt einer Fassadenfarbe steht \u201eV1, W3 nach DIN EN 1062-1&#8243;. Das klingt nach bestandener Pr\u00fcfung. Es ist aber keine \u2014 es ist eine Einordnung, und zwar eine, deren Z\u00e4hlrichtung bei den beiden Kennwerten gegenl\u00e4ufig ist. Wer das nicht wei\u00df, liest ein Datenblatt falsch herum.<\/p>\n<h2>Die Einteilungsnorm stellt keine Anforderung<\/h2>\n<p>Die DIN EN 1062-1 (Ausgabe 2004-08) ist eine <strong>Einteilungsnorm<\/strong>. Sie beschreibt ein Raster, in das sich Beschichtungsstoffe f\u00fcr Au\u00dfenw\u00e4nde einsortieren lassen: Glanz, Trockenschichtdicke, Korngr\u00f6\u00dfe, Wasserdampf-Diffusionsstromdichte, Wasserdurchl\u00e4ssigkeit, Riss\u00fcberbr\u00fcckung, CO\u2082-Durchl\u00e4ssigkeit.<\/p>\n<p>Sie sagt aber an keiner Stelle, welche Klasse an einer bestimmten Wand n\u00f6tig ist. Die Angabe \u201eW3&#8243; bedeutet deshalb nicht \u201egeeignet&#8221;, sondern nur \u201egemessen und eingeordnet&#8221;.<\/p>\n<p>Was tats\u00e4chlich gefordert wird, steht in einer anderen Norm: der <strong>DIN 4108-3<\/strong>, aktuelle Ausgabe 2024-03. Erst sie verkn\u00fcpft die Beanspruchung eines Geb\u00e4udes mit einem Zahlenwert, der eingehalten werden muss.<\/p>\n<h2>Zwei Klassen, zwei Richtungen<\/h2>\n<p>Die Wasserdampf-Diffusionsstromdichte V beschreibt, wie gut Feuchte durch die Beschichtung nach au\u00dfen entweicht:<\/p>\n<table>\n<thead>\n<tr>\n<th>Klasse<\/th>\n<th>Durchl\u00e4ssigkeit<\/th>\n<th>Diffusionsstromdichte<\/th>\n<th>entspricht s<sub>d<\/sub><\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>V1<\/td>\n<td>hoch<\/td>\n<td>&gt; 150 g\/(m\u00b2\u00b7d)<\/td>\n<td>&lt; 0,14 m<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>V2<\/td>\n<td>mittel<\/td>\n<td>\u2264 150, &gt; 15 g\/(m\u00b2\u00b7d)<\/td>\n<td>\u2265 0,14, &lt; 1,40 m<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>V3<\/td>\n<td>niedrig<\/td>\n<td>\u2264 15 g\/(m\u00b2\u00b7d)<\/td>\n<td>\u2265 1,40 m<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Wasserdurchl\u00e4ssigkeit W beschreibt, wie viel Fl\u00fcssigwasser bei Schlagregen eindringt:<\/p>\n<table>\n<thead>\n<tr>\n<th>Klasse<\/th>\n<th>Durchl\u00e4ssigkeit<\/th>\n<th>Wasseraufnahmekoeffizient<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>W1<\/td>\n<td>hoch<\/td>\n<td>&gt; 0,5 kg\/(m\u00b2\u00b7h<sup>0,5<\/sup>)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>W2<\/td>\n<td>mittel<\/td>\n<td>\u2264 0,5, &gt; 0,1 kg\/(m\u00b2\u00b7h<sup>0,5<\/sup>)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>W3<\/td>\n<td>niedrig<\/td>\n<td>\u2264 0,1 kg\/(m\u00b2\u00b7h<sup>0,5<\/sup>)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Beide Klassennummern beschreiben dasselbe: die <em>H\u00f6he der Durchl\u00e4ssigkeit<\/em>. Nur ist viel Wasserdampfdurchl\u00e4ssigkeit erw\u00fcnscht und viel Wasserdurchl\u00e4ssigkeit nicht. Daraus folgt die Falle:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>V1 ist die beste<\/strong> Diffusionsklasse \u2014 die Wand trocknet gut ab.<\/li>\n<li><strong>W1 ist die schlechteste<\/strong> Regenschutzklasse \u2014 die Wand saugt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u201eV1, W1&#8243; ist also keine Doppel-Bestnote, sondern eine Beschichtung, die Feuchte gut durchl\u00e4sst \u2014 in beide Richtungen.<\/p>\n<h2>Was die DIN 4108-3 verlangt<\/h2>\n<p>Die Norm ordnet jedes Geb\u00e4ude einer von drei Schlagregen-Beanspruchungsgruppen zu, im Kern nach der Jahresniederschlagsmenge: Gruppe I unter 600 mm, Gruppe II von 600 bis 800 mm, Gruppe III \u00fcber 800 mm. Eine \u00dcbersichtskarte mit Daten des Deutschen Wetterdienstes liefert den Ausgangswert.<\/p>\n<p>Zwei Regeln daneben werden regelm\u00e4\u00dfig \u00fcbersehen, obwohl sie die Karte schlagen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die Geb\u00e4udegeometrie hebt die Gruppe an.<\/strong> Hochh\u00e4user und Geb\u00e4ude in exponierter Lage r\u00fccken eine Stufe nach oben, unabh\u00e4ngig vom Regionalklima.<\/li>\n<li><strong>Im Zweifel gilt die h\u00f6here Gruppe.<\/strong> Die Norm formuliert das ausdr\u00fccklich: Geht die Gruppe aus der Karte nicht klar hervor, ist der h\u00f6here Wert anzunehmen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr die Gruppen II und III verlangt die Norm einen <strong>wasserabweisenden<\/strong> Au\u00dfenputz. Und \u201ewasserabweisend&#8221; ist exakt definiert \u2014 durch drei Werte gleichzeitig:<\/p>\n<table>\n<thead>\n<tr>\n<th>Kenngr\u00f6\u00dfe<\/th>\n<th>Grenzwert<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Wasseraufnahmekoeffizient w<\/td>\n<td>\u2264 0,5 kg\/(m\u00b2\u00b7h<sup>0,5<\/sup>)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Diffusions\u00e4quivalente Luftschichtdicke s<sub>d<\/sub><\/td>\n<td>\u2264 2,0 m<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Produkt w \u00b7 s<sub>d<\/sub><\/td>\n<td>\u2264 0,2 kg\/(m\u00b7h<sup>0,5<\/sup>)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h2>Die drei Werte sind gekoppelt \u2014 und das \u00e4ndert alles<\/h2>\n<p>Diese Grenzwerte sind unter dem Namen <strong>K\u00fcnzel-Kriterien<\/strong> bekannt; sie gehen auf Untersuchungen von 1968 am Fraunhofer-Institut f\u00fcr Bauphysik in Holzkirchen zur\u00fcck. Der Name beschreibt nur die Herkunft: Es sind keine Kriterien <em>neben<\/em> der Norm, sie stehen w\u00f6rtlich <em>in<\/em> ihr. Formulierungen wie \u201eerf\u00fcllt zwar nicht die Norm, aber die K\u00fcnzel-Kriterien&#8221; sind sinnlos.<\/p>\n<p>Entscheidend ist das dritte Kriterium. Das Produkt verhindert, dass die beiden Einzelgrenzwerte gleichzeitig ausgesch\u00f6pft werden:<\/p>\n<ul>\n<li>Wer w = 0,5 voll ausnutzt, darf h\u00f6chstens <strong>s<sub>d<\/sub> = 0,4 m<\/strong> haben \u2014 nicht 2,0 m.<\/li>\n<li>Wer s<sub>d<\/sub> = 2,0 m ausnutzt, darf h\u00f6chstens <strong>w = 0,1<\/strong> haben \u2014 nicht 0,5.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Daher r\u00fchrt die scheinbare Widerspr\u00fcchlichkeit in der Literatur, wo man mal \u201es<sub>d<\/sub> \u2264 2 m&#8221; und mal \u201es<sub>d<\/sub> \u2264 0,4 m&#8221; liest. Beides ist richtig; es sind zwei Punkte derselben Kurve.<\/p>\n<p>Dahinter steht eine bauphysikalische Logik, die es wert ist, verstanden zu werden: Eine Beschichtung mit h\u00f6herer Wasseraufnahme ist nicht automatisch schlecht \u2014 solange das eingedrungene Wasser nach dem Regen schnell wieder heraus kann. Bewertet wird die <strong>Bilanz aus Aufnahme und Abgabe<\/strong>, nicht die Aufnahme allein.<\/p>\n<h2>Vier Dinge, die ein Datenblatt nicht sagt<\/h2>\n<p><strong>Die Pr\u00fcfverfahren sind nicht dieselben.<\/strong> Die DIN 4108-3 verlangt w nach DIN EN ISO 15148 und s<sub>d<\/sub> nach DIN EN ISO 12572. Datenbl\u00e4tter von Beschichtungen weisen typischerweise w nach DIN EN 1062-3 und s<sub>d<\/sub> nach DIN EN ISO 7783 aus. Die Verfahren unterscheiden sich in Probek\u00f6rper, Untergrund und Pr\u00fcfdauer. In der Praxis werden die Werte gleichgesetzt \u2014 normstreng ist das nicht.<\/p>\n<p><strong>Der s<sub>d<\/sub>-Wert h\u00e4ngt an der Schichtdicke.<\/strong> Er skaliert proportional: doppelte Trockenschichtdicke, doppelter s<sub>d<\/sub>-Wert. Der Datenblattwert gilt f\u00fcr die dort genannte Pr\u00fcfschichtdicke. Wer satter auftr\u00e4gt oder eine dritte Lage setzt, verl\u00e4sst den gepr\u00fcften Zustand \u2014 und auf einer Altfassade addieren sich vorhandene Anstriche ohnehin dazu.<\/p>\n<p><strong>Es gibt zwei Auswerteformeln.<\/strong> Die DIN EN ISO 7783 enth\u00e4lt zwei Wege, aus derselben Messung den s<sub>d<\/sub>-Wert zu berechnen. Ein Pr\u00fcfbericht des Instituts f\u00fcr Lackpr\u00fcfung Andreas Keiner dokumentiert f\u00fcr dasselbe Produkt 0,227 m nach der einen und 0,421 m nach der anderen Formel \u2014 Faktor 1,9. Bei Produkten nahe der V1\/V2-Grenze von 0,14 m kann die Wahl der Formel \u00fcber die Klasse entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Die Kriterien gelten dem Aufbau, nicht der Farbe.<\/strong> Die Norm spricht von \u201ePutzen und Beschichtungen&#8221; als regensch\u00fctzender Schicht. Ma\u00dfgeblich ist, was an der Wand steht: Putz plus Anstrich plus Altbeschichtungen. Ein Anstrich, der isoliert w \u2264 0,5 erreicht, sagt f\u00fcr sich wenig \u00fcber den Gesamtaufbau.<\/p>\n<h2>Vorsicht bei zwei verbreiteten Angaben<\/h2>\n<p><strong>\u201eDiffusionsoffen&#8221; ist kein normierter Begriff.<\/strong> Es gibt keine technische Festlegung. Manche Anbieter nennen s<sub>d<\/sub> &lt; 1 m diffusionsoffen, andere s<sub>d<\/sub> &lt; 2 m. Belastbar ist nur die V-Klasse oder ein s<sub>d<\/sub>-Zahlenwert mit Angabe der Pr\u00fcfschichtdicke. F\u00fcr \u201eatmungsaktiv&#8221; gilt dasselbe.<\/p>\n<p><strong>Sehr kleine s<sub>d<\/sub>-Werte sind Rauschen.<\/strong> Angaben im Bereich von 0,01 m liegen in der Gr\u00f6\u00dfenordnung des Messfehlers. Wer \u00dcberlegenheit mit s<sub>d<\/sub> = 0,01 statt 0,02 m begr\u00fcndet, argumentiert innerhalb der Messunsicherheit.<\/p>\n<p>Und eine Warnung zur Quellenlage: Die frei zug\u00e4ngliche Wiedergabe der DIN 4108-3 auf umwelt-online.de f\u00fchrt f\u00fcr das Produkt w \u00b7 s<sub>d<\/sub> den Wert \u201e&lt; 2,0&#8243; statt korrekt \u2264 0,2 \u2014 offenbar aus der Nachbarspalte verrutscht. Der Fehler betr\u00e4gt den Faktor 10 und macht jede darauf gest\u00fctzte Beurteilung wertlos. Die Seite wird in Foren h\u00e4ufig verlinkt.<\/p>\n<h2>Quellen<\/h2>\n<p>Die Klassentabellen f\u00fcr V und W sind einem Pr\u00fcfbericht des Instituts f\u00fcr Lackpr\u00fcfung Andreas Keiner GmbH entnommen, der sie als Einstufungsgrundlage w\u00f6rtlich abdruckt. Die Angaben zu Beanspruchungsgruppen und zu Tabelle 6 stammen aus dem Volltext der <strong>DIN 4108-3:2018-10<\/strong>. Die aktuelle Ausgabe ist 2024-03; ihre ver\u00f6ffentlichten \u00c4nderungshinweise betreffen das Periodenbilanzverfahren und einen neuen Abschnitt zu Bodenplatten, nicht das Schlagregenkapitel. Eine \u00c4nderung der Tabelle 6 ist damit unwahrscheinlich, aber <strong>nicht am Originaltext der Ausgabe 2024-03 gegengepr\u00fcft<\/strong>.<\/p>\n<p>Nicht behandelt sind hier die Klassen f\u00fcr Glanz und CO\u2082-Durchl\u00e4ssigkeit: F\u00fcr beide lie\u00dfen sich die Zahlengrenzen nicht aus einer belastbaren Quelle best\u00e4tigen. Lieber eine L\u00fccke als eine plausible Zahl.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIN EN 1062-1 only classifies; the actual requirement sits in DIN 4108-3. Why V1 is good and W1 is bad, why the three limit values are linked \u2014 and what a data sheet doesn&#8217;t tell you.<\/p>\n","protected":false},"author":0,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-104","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bauphysik"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":131,"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions\/131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/pscoat.no/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}